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Far away from Würselen

Mit „Far away from Würselen“ hat der Lokalhistoriker Stefan Kahlen eine ganz besondere Familiengeschichte geschrieben: die Geschichte einer jüdischen Familie aus dem Rheinland. 39 Angehörige dieser Familie wurden in der Nazi-Zeit ermordet. Andere konnten der Judenvernichtung entkommen, ihre Nachfahren leben heute in den USA, „far away from Würselen“ – weit entfernt von der einstigen Heimat. Kahlen erzählt die Geschichte von Jakob und Emma Voss aus Würselen bei Aachen, ihrer Vorfahren, ihrer Kinder und Enkel.

 

In Würselen leben heute noch Menschen, die sich an die Metzgerei Voss in der Wilhelmstraße 5 erinnern. Voss, geboren 1872 in dem Dorf Embken im Kreis Düren, und seine Frau Emma, die aus Kobern an der Mosel stammte, bauten 1910 dieses Haus und machten sich dort mit einer Metzgerei selbständig. Ein historisches Foto, in Kahlens Buch abgedruckt, zeigt ein Schaufenster, das voller Rinderhälften hängt. Vier Kinder kamen zur Welt, alles Söhne, von denen einer früh starb. Jakob Voss kämpfte als deutscher Soldat im 1. Weltkrieg, den er unverletzt überlebte. In der Nachkriegszeit florierte seine Metzgerei, berichtet Stefan Kahlen: „Der Jüdde-Jakob, wie Jakob Voss durchaus respektvoll in Würselen genannt wurde, genoss hohes Ansehen in der Bevölkerung. Bekannt war die Wohltätigkeit der Metzgersfamilie. Bei ärmeren oder kinderreichen Familien ging das eine oder andere Stück Fleisch auch ohne Bezahlung über die Ladentheke.“ Und mit großzügigen Spenden habe die Familie Voss den Bau des Jugendheims in Würselen ermöglicht.

 

Als die Idylle tödlich wurde

Es ist ein geradezu liebevoller Blick, den der heute in Westfalen lebende gebürtige Würselener Stefan Kahlen auf die Familie Voss wirft. Er berichtet von den Lebenswegen der drei Kinder, stellt die Verwandtschaft vor, erzählt Anekdoten. Und immer wieder nähert er sich der Frage, auf die es so viele Erklärungsversuche und doch keine begreifbare endgültige Antwort zu geben scheint: wie diese Kleinstadt-Idylle und wie diese Gesellschaft zerbrechen konnten, wie sie verachtend und mörderisch, tödlich wurden. Wie die Ideologie der Nationalsozialisten die Gehirne vergiftete, wie Denunziation und Gemeinheit alltäglich wurden.

Die drei Söhne der Familie Voss flohen ins Ausland. Ernst, der Jüngste – ein ehrgeiziger Sportler, dem als Jude die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 verweigert worden war – emigrierte schon 1937 nach Südamerika. Er hatte vorher extra Spanisch gelernt. In Kolumbien schlug er sich als Arbeiter durch, 1940 konnte er mit Hilfe seines bereits dort lebenden Bruders Rudolf in die USA einreisen. Als Soldat auf amerikanischer Seite kam er zurück nach Würselen.

 

Rudolf Voss, der 1938 in den Trümmern der zerstörten Aachener Synagoge Erna Lucas aus Warden geheiratet hatte, emigrierte im Dezember des gleichen Jahres in die USA. Er gründete in Erie im US-Bundesstaat Pennsylvania einen Supermarkt, in dem später auch seine beiden Brüder Teilhaber wurde.

 

Fritz, der mittlere der drei Voss-Söhne, war mit seiner Frau Henny in Belgien untergetaucht. Das Ehepaar wurde aber entdeckt, es kam in verschiedene Internierungslager und schließlich in das Konzentrationslager Auschwitz. Henny Mary Voss wurde dort zusammen mit einer Gruppe von Kindern, die sie betreut hatte, vergast. Fritz Voss war unter den Überlebenden von Auschwitz, die 1945 von der russischen Armee befreit wurden. 1947 konnte er in die USA einreisen.

 

Alle Versuche von Rudolf Voss, seine Eltern aus Deutschland heraus zu holen, scheiterten. Emma und Jakob Voss mussten ihr Geschäft in Würselen aufgeben, sie wurden nach Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet.

 

Nicht nur die Geschichte von Emma und Jakob Voss und ihren Söhnen, auch die Schicksale vieler anderer Mitglieder der verzweigten Familie werden erzählt. Etwa die der angeheirateten Familie Lucas aus Warden. Oder auch die von Jakob Voss' Bruder Albert aus Nideggen-Embken. Allein das Leben dieses Albert Voss wäre einen ganzen Roman wert. Er hatte sich als Soldat im 1. Weltkrieg in Dänemark mit einer Familie angefreundet. 1934 flüchtete er in das kleine Dorf dicht hinter der Grenze, heiratete die Dorfschullehrerin und wurde von der Dorfgemeinschaft auch während der Besatzungszeit nicht verraten.

 

Geleitwort: Martin Schulz

Mehrere Jahre lang hat Stefan Kahlen für „Far away from Würselen“ recherchiert. Zu den berührendsten Passagen gehören die Erinnerungen der Enkel von Emma und Jakob Voss, die ihre Großeltern ja nie kennen lernen konnten. Kahlen gibt ihre Briefe in langen Passagen wörtlich wieder und macht so deutlich, wie das Schicksal der ermordeten Juden auch heute noch das Leben der Nachfahren prägt. Das Buch ist auf diese Weise, ohne zu moralisieren, ein Appell für Mitmenschlichkeit und Verständigung über alle Grenzen von Nationen, Rassen, Religionen und Weltanschauungen hinweg.

 

Dafür tritt auch Martin Schulz ein. Der Präsident des Europäischen Parlaments und frühere Bürgermeister von Würselen hat das Geleitwort zu „Far away from Würselen“ geschrieben.

 

Familienforscher als Detektive

Ergänzt wird das Erinnerungsbuch durch einen umfangreichen genealogischen Teil, für den die Herausgeberin Iris Gedig verantwortlich zeichnet. Die Familienforscherin hat die Herkunft von Jakob Voss bis zurück zu einem Manus Schwarz verfolgt, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Müddersheim (heute Gemeinde Vettweiß, Kreis Düren) lebte. Mit detektivischem Eifer haben Gedig und der Familienforscher Peter Bücken hunderte Nachkommen dieses Manus Schwarz ermittelt und deren verwickelte verwandtschaftliche Beziehungen dargestellt, über bis zu zehn Generationen. Für Lokalhistoriker, die sich mit der Geschichte jüdischer Familien im Rheinland befassen, ist das eine Fundgrube. Die aber auch betroffen machen kann, wenn man beim Blättern durch diese Stammbaum-Seiten sieht, bei wie vielen Menschen als Sterbeorte Sobibor steht, Litzmannstadt, Minsk oder Auschwitz.

 

Bezugsquellen

Stefan Kahlen: „Far away from Würselen“, herausgegeben von Iris Gedig (Erftstadt), erschienen im Dürener Verlag Hahne & Schloemer, 15 Euro. Das Buch mit der ISBN-Nummer 978-3-942513-13-5 kann in allen Buchhandlungen bestellt werden, außerdem online beim Verlag (www.hahne-schloemer.de) und über die Internetseite www.familienbuch-euregio.de.

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