skip to content

Notizen & Neues 2014

Acht Eschweiler und ihre Familien wurden von den Nazis ausgebürgert

Veröffentlicht von Administrator (admin) am 19 Jan 2014
Notizen & Neues 2014 >>

(Bei dem hier folgenden Text handelt es sich um ein leicht gekürztes Kapitel aus der geplanten Buchveröffentlichung "Nachrichten von den Juden in Eschweiler".)

 

Finanziell ausgeplündert und staatenlos

 

Noch am 7. April 1945 – da hatten die amerikanischen Truppen längst den Rhein überschritten – erschien im „Deutschen Reichsanzeiger und preußischen Staatsanzeiger“ eine Liste mit den Namen von Personen, die „der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt“ wurden. Es war die 359. Liste dieser Art. Vom August 1933 bis drei Wochen vor Hitlers Selbstmord wurden 39.006 Menschen aus Deutschland ausgebürgert.

Das „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ von 1933 traf zwei verschiedene Personengruppen.

Der Paragraph 1 richtete sich gegen Menschen, die in der Zeit der Weimarer Republik eingebürgert worden waren. Also gegen Menschen im Inland, vor allem Ostjuden. Ihre Einbürgerung konnte nun widerrufen werden. Von diesen Widerrufsbescheiden waren über 10.000 Familien betroffen, davon zwei Drittel jüdische.

Der Paragraph 2 richtete sich gegen Deutsche im Ausland, also Menschen, die vor den Nazis geflohen waren. Anfangs zielte das auf prominente Emigranten, denen man staatsfeindliches Verhalten vorwarf. Auf den ersten Listen standen Namen wie Albert Einstein, Philipp Scheidemann, Kurt Tucholsky, Nahum Goldmann, Bert Brecht, Heinrich und Thomas Mann. Später wurden immer mehr Menschen aus steuer- und strafrechtlichen, sexuellen und vor allem rassischen Gründen ausgebürgert. Die Begründungen waren oft an den Haaren herbei gezogen: die Emigranten hätten die SPD finanziell unterstützt, sie seien Freimaurer, hätten Steuern hinterzogen, Rassenschande betrieben und so fort. Auch Kriegsdienstverweigerer kamen auf die Ausbürgerungslisten.

Gedacht war diese Ausbürgerung als „schwere entehrende Strafe“1; den Nazis schwebte so etwas wie die mittelalterliche Ächtung vor. „Nachdem sie ins Ausland hatten flüchten können, versuchte das NS-Regime, die ausgebürgerten Emigranten nachträglich zu vernichten: physisch, geistig und moralisch“.2 Das Vermögen der Ausgebürgerten einschließlich Haus und Grund wurde im Allgemeinen beschlagnahmt. Häufig wurde die Ausbürgerung auf die Familienangehörigen ausgedehnt. Akademische Titel und Grade wurden aberkannt, sogar künftige Nobelpreisträger verloren ihren Doktortitel.3 Die Betroffenen wurden auch von Erbschaften ausgeschlossen, ihre Rentenansprüche wurden gestrichen. Und sie wurden staatenlos – was das bedeutete, merkten sie spätestens, wenn sie ihren Pass verlängern lassen wollten. Diese Folgen für die Ausgebürgerten wurden nach dem Krieg nur schrittweise und zögernd beseitigt. Erst ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1968 machte klar, dass die Ausbürgerungen von Anfang an Unrecht waren.4 Und auch dieses Urteil musste über Jahre hin von Überlebenden der Judenvernichtung erstritten werden, gegen den Widerstand auch des bundesdeutschen Justizministeriums. 5

 

Liste der Ausgebürgerten

 

Aus Eschweiler und Weisweiler wurden nach den Listen im Reichsanzeiger ausgebürgert:


Am 2.12.1937 Dr. Ernst Kaufmann, geboren am 10. Juni 1902 in Eschweiler als Sohn des Kaufmanns David Kaufmann und Antonie geb. Pohl.

Am 25.2.1939 Carl Blech, ein Sohn von Metzger Moses Blech und Sibilla geb. Hartog, geboren am 20.Januar 1882 in Eschweiler.

Am 25.3.1939 Berta Heß, geborene Stiel, die Tochter von Marx Stiel und Friedrika geb. Lion, geboren am 4. Dezember 1892 in Eschweiler, ihr aus Oehringen stammender Ehemann Leopold Heß und ihre Kinder Anneliese (*18.03.1919 Eschweiler) und Karl (*13.05.1925 Köln).

Am 31.7.1939 der am 21.Oktober 1900 in Weisweiler als Sohn von Hermann Höflich und seiner Ehefrau Wilhelmina geb. Heidt geborene Essener Schuhfabrikant und -händler Ernst Höflich, seine aus Essen-Werden (*01.03.1906) stammende Frau Hilde geb. Levi und die Tochter Helga Höflich (*15.08.1932 Essen).

Am 13.7.1940 Ilse Wallerstein, geboren am 21. September 1900 in Eschweiler als Dina Holländer, ihr Ehemann, der Aachener Mediziner Otto Wallerstein (* 01.05.1895 in Krefeld), ihr Sohn Rolf, (*07.03.1922 Düsseldorf) – er wurde später in den USA ein bekannter Medizin-Professor – und ihre Tochter Brigitte (*06.01.1932 in Aachen).

Am 23.7.1940 Aron Salomon, geboren am 2. Februar 1867 in Eschweiler als Sohn von Moses Salomon und seiner Frau Johanna geb. Kaufmann, seine beiden Söhne Alfred (* 18.12.1896 Stolberg) und Walter (*23.01.1898 Stolberg) sowie seine Enkelkinder Horst (*12.11.1930 Aachen) und Hannelore (*13.08.1932 Aachen). Alle fünf waren nach Holland emigriert. Sie wurden dort später interniert, nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Am 16. 11.1940 der Bergmann Wilhelm Schmitz, geboren am 17. März 1907 in Eschweiler als Sohn des Fuhrknechts Martin Schmitz und seiner Frau Sophia geborene Mertens, seine aus dem saarländischen Dudweiler stammende Frau Anna Maria geb. Körner und ihre in Eschweiler-Röhe geborenen Töchter Maria Margaretha (*19.12.1926) und Charlotte Margaretha (*18.08.1929). Die Familie überlebte den 2. Weltkrieg und wohnte später im Saarland.

Am 20. 12. 1944 Albert Wilhelm d'Homet (geboren in Eschweiler am 18. Dezember 1901, Sohn eines Konditors), der nach Schweden geflüchtet war, und seine aus Eslöv in Schweden stammende Ehefrau Ester Kristina Madelina geb. Alfelt.

 

Die „11. Verordnung“


In einem weiteren Schritt dehnte der nationalsozialistische Staat ab 1941 die Ausbürgerung de facto auf alle Juden aus. Juristische Grundlage war die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 25. November 1941. Nach dieser Verordnung wurde allen im Ausland befindlichen Juden grundsätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Das betraf über 250.000 Menschen – eine „kollektiv-automatische Massenausbürgerung“6. Aber nicht nur alle jüdischen Emigranten verloren durch diese Verordnung ihre Staatsangehörigkeit und ihr Vermögen, sondern auch jene Juden, die geblieben waren, nämlich in dem Moment, wo sie in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Da einige dieser Vernichtungslager in eroberten Gebieten wie dem Generalgouvernement (Polen) lagen, wurde am 3. Dezember 1941 noch ein Erlass nachgeschoben, dass diese Gebiete „Ausland im Sinne der Elften Verordnung“ seien. Die Opfer waren, wenn sie in Auschwitz oder Treblinka ankamen, keine Deutschen mehr, sondern staatenlos.

 

Diese Verordnung hatte also den Zweck, die letzten noch verbliebenen Reste von Vermögen aller geflohenen und aller deportierten Juden zu kassieren; die Summe wird heute auf 778 Millionen Reichsmark geschätzt.7 „Das verfallene Vermögen soll zur Förderung aller mit der Lösung der Judenfrage im Zusammenhang stehenden Zwecke dienen“, steht im Text der Verordnung. Das Gas für die Gaskammern in den Vernichtungslagern konnte also aus dem beschlagnahmten Vermögen jener Menschen bezahlt werden, die dort vergast wurden.

 

Von dieser Art „kollektiver Ausbürgerung“ waren außer den ins Exil geflohenen auch jene mehr als 20 jüdischen Eschweiler Bürger betroffen, die nicht mehr hatten ausreisen können. Sie wurden deportiert und umgebracht.

 

Fußnoten

 

1. Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath in einem Rundschreiben vom 24. März 1934, zitiert nach Michael Hepp: „Wer Deutscher ist, bestimmen wir...“, abgedruckt in „Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933-1945 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen“, Verlag K.G. Saur 1985, Band 1, Seite XXVI

2. Hans Georg Lehmann: „Acht und Ächtung politischer Gegner im Dritten Reich“, abgedruckt in „Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933-1945 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen“, Verlag K.G. Saur 1985, Band 1, S. XVII

3. Lehmann, a.a.O., S. XVI

4. Lehmann, a.a.O., S. XX

5. Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2 BvR 557/62 , zitiert nach http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv023098.html, eingesehen am 19.01.2014

6. Lehmann, a.a.O., S. XIV

7. Statistik bei Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Fischer-Verlag Frankfurt, S.1074

Zuletzt geändert am: 27 Aug 2015 um 13:12:01

Zurück

Coded with valid XHTML, CSS and tested for WCAG Priority 2 Conformance.

Powered by Website Baker, design by Werbeagentur Toporowski

Copyright © 2012