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Notizen & Neues 2014

Am Beginn der Suche war es, als hätten sie nie gelebt

Veröffentlicht von Administrator (admin) am 18 Apr 2014
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Mühe machte bei der Suche nach Daten besonders, dass in den Urkunden der früher selbständigen Gemeinde Weisweiler, die in dem vom Eschweiler Geschichtsverein betreuten Archiv des Eschweiler Standesamtes aufbewahrt werden, keine Geburtsurkunden von Leo Neustadt und seiner Schwester Rosa zu finden waren. Leo und Rosa Neustadt, beide unverheiratet, waren die Inhaber des Manufakturwaren-Geschäfts Hauptstraße 4 in Weisweiler. Keine Geburtsurkunden dieser beiden, obwohl die Eltern 1895 in Weisweiler geheiratet hatten? Und nicht nur von der Geburt, auch von ihrem wahrscheinlich schrecklichen Ende in einem der Vernichtungslager waren zunächst keine Spuren zu finden.

Inzwischen sind die Geburten belegt, und auch für die Eltern und Großeltern gibt es Lebensdaten. Dabei gab es durchaus Überraschungen. So trug Leo Neustadt seinen Vornamen „Leo“ erst ab seinem 28. Lebensjahr offiziell und vom Amtsgericht Düren bestätigt. Vorher hieß er, laut Geburtsurkunde, Herz Lewi. Und seine Schwester Rosa wurde als Sara Neustadt geboren. Beide übrigens in dem kleinen Ort Manheim, der heute zur Stadt Kerpen gehört.

Wann und wo die drei Neustadts – neben den beiden Geschwistern auch Carl Neustadt, der Sohn von Rosa – ermordet wurden, ist aber immer noch nicht eindeutig klar. Für Leo Neustadt immerhin gibt es inzwischen eine Eintragung im Gedenkbuch der Bundesrepublik, wenn auch das dort genannte Datum der Deportation höchstwahrscheinlich falsch ist. Leo Neustadt wurde vom November 1941 bis zum 15. Juni 1942 als Zwangsarbeiter in Stolberger Industriebetrieben ausgebeutet, mit einiger Wahrscheinlichkeit wurde er dann von Aachen aus deportiert, das Gedenkbuch nennt den 17. September 1942 als Todesdatum, entweder in Majdanek oder in Sobibor.

Für Rosa und Carl Neustadt gibt es keine Spuren ihres Todes – kein Eintrag in irgendwelchen Gedenkbüchern, kein Grabstein, kein Gedenkstein, keine Spur im Internet, keine offizielle Todeserklärung. Es gab ja auch keine Hinterbliebenen oder emigrierte Familienangehörige, die eine solche Erklärung hätten beantragen können. Mutter und Sohn sind verschwunden, ohne dass bisher Spuren ihres Todes zu finden waren. Nur die Erinnerung einer Weisweiler Zeitzeugin belegt das Offensichtliche: dass alle jüdischen Bürger, die Anfang 1942 noch in Weisweiler lebten, sich zur „Umsiedlung“ in Düren melden mussten und dort in einen der Deportationszüge stiegen. Welcher Zug das war, wurde noch nicht heraus gefunden. Es sind aber kaum Zweifel daran möglich, dass Rosa und Carl Neustadt irgendwann zwischen März und Juli 1942 deportiert und in einem der Ghettos und Vernichtungslager im Osten ermordet wurden.

Zum Gedenken an Rosa Neustadt, an ihren Sohn Carl und ihren Bruder Leo Neustadt sollen im Dezember 2014 vor dem Haus Hauptstraße 4 Stolpersteine verlegt werden.

Ein ausführlicherer Bericht über die Familie Neustadt steht auf dieser Internet-Seite in der Rubrik „Geschichten“: „Kein Gedenken, keine Hinterbliebenen“. Er soll auch im geplanten Buch „Nachrichten von den Juden in Eschweiler“ erscheinen.

 

Zuletzt geändert am: 22 Apr 2014 um 08:39:37

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