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Notizen & Neues 2014

Die Vereine der Synagogengemeinde in Eschweiler

Veröffentlicht von Administrator (admin) am 02 Mar 2014
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Die Chewra Kadischa sind örtliche Beerdigungsvereine, die sich Krankenbesuchen, Gebeten am Sterbebett und der rituellen Bestattung von Verstorbenen widmen. Mitglieder können nur Männer werden. Ihr Dienst ist ehrenamtlich und in den Gemeinden hoch angesehen. Die Gesellschaften werden nur durch Spenden finanziert. Zu den Aufgaben der Chewra Kadischa gehört es, beim Besuch am Bett eines Sterbenden einen Minjan (die Mindestzahl von zehn religiös mündigen männlichen Juden) zu organisieren und das Schma Israel, das zentrale Gebet des Judentums, zu beten. Die Mitglieder des Chewra Kadischa sorgen weiter für das Aufbahren und das Einsargen des Verstorbenen, sie gehen beim Leichenzug voran und kümmern sich um die Beerdigung. Auch Besuche bei den Hinterbliebenen sind üblich.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Für die gleichen Dienste bei sterbenden Frauen werden meist Frauen aus der Gemeinde von der Chewra Kadischa ernannt, in einigen großen Gemeinden gründeten Frauen eigene Gesellschaften, in anderen wurden und werden Teile der Aufgaben, vor allem Betreuung von sterbenden Frauen und Begleitung der Angehörigen, von den Israelitischen Frauenvereinen übernommen. (Informationen unter anderem nach dem Beitrag „Chewra Kadischa“ des Internet-Lexikons Wikipedia, eingesehen 1.3.2014). Das Bild oben „Mitglieder der Prager Beerdigungsbruderschaft beten am Lager eines Sterbenden“ stammt aus der Zeit um 1772, es befindet sich im Jüdischen Museum in Prag (Copyright: Publik Domain).

Chewra Dallim: Die Israelitische Wanderfürsorge kümmerte sich als Wohltätigkeitsverein um durchreisende Juden. In Eschweiler hieß dieser Verein nach Informationen von Leo Braun (Eschweiler Geschichtsverein) und dem Aachener Lokalhistoriker Sebastian Elverfeldt Chewra Dallim. Vorsitzender war 1931 Heymann Goetz, Inhaber des Kaufhauses H. Goetz an der Ecke Grabenstraße/Englerthstraße. Mehr ist über diesen Verein, wahrscheinlich eine Einrichtung der Synagogengemeinde, deren Vorsteher Goetz war, bisher nicht bekannt.

 

Das Jubiläum des Israelitischen Frauenvereins 1914

 

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Das Jubiläum des Frauenvereins war ein großes Fest, ein gesellschaftliches Ereignis in Eschweiler, und es waren keineswegs nur die jüdischen Bürger da, als am 15. Februar 1914 Emma Stiel, die Vorsitzende, die über 250 Festgäste in der Schützenhalle an der Marienstraße begrüßte. Mitglieder der städtischen Musikkapelle spielten Klassisches von Mendelssohn, der Lehrer und Kultusbeamte der Synagoge Benjamin Schoemann hielt die Festrede, von Bürgermeister Dr. Hettlage gab es warme und anerkennende Worte. Für die Synagogengemeinde sprach der damalige Vorsteher der Synagoge Marcus Meyer, der in seiner Ansprache versicherte, „eine konfessionelle Scheidewand gebe es in Eschweiler nicht“, berichteten übereinstimmend der „Bote an der Inde“ und der „Eschweiler Anzeiger“ am 17. Februar – der Zeitungsausschnitt zeigt den Anfang des Berichts im „Anzeiger“. Dem Festakt folgte ein Festessen für 120 Personen, anschließend gab es Theaterdarbietungen, Liedvorträge und einen Ball, „der sich noch bis zum dämmernden Morgen hinzog“, so die Zeitungsberichte.

Über den Vereinszweck sagten die Zeitungen wenig, was schade ist. Nur, dass die Vorsitzende Emma Stiel darauf hingewiesen habe, der Verein habe in den 50 Jahren „seinem Zwecke entsprechend der Wohltätigkeit seine Kräfte gewidmet“. Ein Blick in die Satzungen anderer Israelitischer Frauenvereine aus der Zeit um 1900 zeigt, dass es zu den wichtigsten Aufgaben dieser Vereine gehörte, älteren, einsamen und hilfsbedürftigen Frauen zu helfen, Kranke zu besuchen und zu betreuen – da zeigen sich Parallelen zu den Aufgaben der männlichen Chewra Kadischa. Aber auch kulturelle und gesellige Veranstaltungen waren bei den Frauenvereinen üblich. Der Eschweiler Verein dürfte ein ähnliches Programm gehabt haben.

 

Die Stiels, die Salomons, die Elkans...

 

Beim Jubiläumsfest wurden zwei Gründerinnen geehrt. Seit dem Anfang im Frühjahr 1864 dabei waren Johanna Salomon und Johanna Stiel.

Johanna Salomon, geborene Kaufmann, stammte aus einer der beiden ältesten jüdischen Familien in Eschweiler. Sie kam 1834 zur Welt. Ihr Mann Moses Salomon aus Leutesdorf am Rhein, den sie 1858 geheiratet hatte, war viele Jahre lang Schammes, also Synagogendiener. Dies auch schon zu der Zeit vor dem Bau der Synagoge Moltkestraße, als die Gottesdienste im Betsaal der jüdischen Schule am Langwahn gehalten wurden. Von ihren zehn Kindern kam eines, der Sohn Aron, zu einigem Wohlstand, er gründete in Stolberg eine Schirmfabrik. Aron Salomon und drei seiner Geschwister – Helena, Isack und Clothilde – wurden im Holokaust ermordet.

Die andere Vereinsgründerin, Johanna Stiel geborene Isaac, Jahrgang 1839, hatte ihre sechs Kinder allein groß ziehen müssen. Ihr Mann Marx Stiel aus Kinzweiler war bereits 1865 gestorben. Eine ihrer Töchter war die erwähnte Vereinsvorsitzende Emma Stiel, geboren 1862. Emma, genannt Emmchen, sei eine prächtige Frau gewesen, klein und rundlich, gutmütig und herzlich. So berichtet es der 1887 in Eschweiler geborene, 1955 in Jerusalem gestorbene Julius Kaufmann-Kadmon in seinen Lebenserinnerungen. Sie hatte einen Cousin geheiratet, Isaak Stiel. Er war Gemeindekassierer der Synagogengemeinde. Die drei Söhne von Emma und Isaak Stiel, die Rechtsanwälte Paul und Otto und der Bankbeamte Wilhelm Stiel, konnten in der Zeit der Nazi-Herrschaft nach Palästina entkommen. Nicht so die behinderte Tochter Hedwig. Sie starb 1942 in einer Anstalt für Geisteskranke.

Emma Stiel war auch 17 Jahre nach der Jubiläumsfeier, im Jahr 1931, noch Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins von Eschweiler. Sie starb 1932 im Alter von 70 Jahren in Aachen.

In den Zeitungsberichten werden zwei erhebliche Stiftungen erwähnt. Die Kinder der Jubilarin Johanna Stiel – also die Vereinsvorsitzende Emma Stiel und ihre Geschwister Moritz, Isaak, Philipp und Francisca Maxella, „die sich schon des öfteren in der israelitischen Gemeinde als Wohltäter gezeigt“ – stifteten dem Verein 1000 Mark, eine damals erhebliche Summe, fast das Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeitnehmers. Einer der Stifter, Philipp, kam 1942 im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Einen „nennenswerten“, aber nicht genau bezifferten Geldbetrag stifteten die Kinder einer Fast-Vereinsgründerin. Sibille Elkan geborene Liff, die Frau des Metzgers Abraham Elkan von der Marienstraße, war 1914 auch schon über 40 Jahre lang im Frauenverein aktiv. Zu ihren Kindern, die damals als Spender auftraten, gehörte auch Benno Elkan. Für ihn und seine mit ihm ermordeten Familienangehörigen liegen Gedenksteine vor dem Haus Marienstraße 45.

Die drei Eschweiler jüdischen Vereine wurden, sofern sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch bestanden, spätestens 1940 aufgelöst.

 

Weitere jüdische Vereine in Eschweiler

 

Am 20. Februar 1911 gründete Julius Kaufmann (dessen Lebenserinnerungen auf dieser Website öfter schon zitiert wurden) eine "Zionistische Ortsgruppe für Eschweiler und Umgegend". Im Gründungsvorstand waren Julius Kaufmann, Selig Lucas und Marcus Meyer. Der Verein wuchs schnell. Nach anderthalb Jahren hatte er bereits 80 Mitglieder und war nicht nur in Eschweiler, sondern auch in Stolberg, Hoengen, Langerwehe, Jülich, Linnich und Drove tätig. 

Offenbar bereits vor 1911 existierte ein jüdischer, aber nicht an die Synagogengemeinde gebundener "wissenschaftlicher Verein" mit dem Namen "Loge", der Vorträge und kulturell-gesellige Veranstaltungen organisierte. Der Verein wird in einem Verzeichnis Eschweiler Vereine von 1925 erwähnt. Vorsitzender war in diesem Jahr der Lehrer der jüdischen Schule und Kantor der Synagogengemeinde Benjamin Schoemann, Langwahn. Schriftführer und Kassierer war der Geschäftsmann Jakob Eckstein („Schuhhaus Eckstein“), Grabenstraße 35 (heute Grabenstraße 61), der auch im Vorstand der Synagogengemeinde war.

 

Zuletzt geändert am: 05 Mar 2014 um 13:27:50

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