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Notizen & Neues 2014

Stolpersteine sind eine Verbeugung vor den Opfern

Veröffentlicht von Administrator (admin) am 15 Dec 2014
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Familie Neustadt, Hauptstraße 4, Weisweiler:

Alle drei Angehörigen der Familie Neustadt, die in den 30-er Jahren noch in Weisweiler lebten, wurden Opfer der Judenvernichtung: der Kaufmann Leo Neustadt, seine Schwester Rosa und deren Sohn Carl. Ob entfernte Verwandte überlebt haben, ist nicht bekannt. Die Weisweiler Familie Neustadt hörte 1942 auf, zu existieren. Leo und Rosa Neustadt waren beide unverheiratet. Sie führten gemeinsam ein wahrscheinlich schon von ihren Eltern gegründetes Einzelhandelsgeschäft im Hause Hauptstraße 4. Im Adressbuch 1929 wird es als Manufakturwarengeschäft bezeichnet. Als 18-Jährige war Rosa Neustadt Mutter geworden, sie brachte am 21. März 1917, also während des 1. Weltkriegs, ihren Sohn Carl zur Welt. Der Name des Vaters ist nicht bekannt. Der spätere Beruf von Carl Neustadt ist nicht überliefert. Zeitzeugen erinnern sich, dass er für eine örtliche Bäckerei zeitweise Brot ausgefahren hat. Sicher wird er auch im Ladengeschäft seiner Mutter mitgeholfen haben.

Bei den Novemberpogromen 1938 warfen der Weisweiler Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Löltgen, der SA-Obertruppführer Johann Zetting sowie Johann Mallmann, Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend, unter anderem auch die Schaufensterscheiben des Neustadt'schen Hauses ein. Sie stiegen in den Laden ein, Löltgen warf dort alles durcheinander, berichtet der Weisweiler Lokalhistoriker Edmund Schain: „Eine Stunde lang wüteten die drei Nationalsozialisten in den beiden Weisweiler Läden.“ Wenige Wochen später, am 15. Dezember 1938, verkauften die Neustadts ihr demoliertes Haus, wohnten dort aber weiter beim Neubesitzer Franz Vetten zur Miete.

Während Rosa und Carl Neustadt bis zu ihrer Deportation 1942, also noch über drei Jahre, nun als Mieter in ihrem Haus in Weisweiler wohnten, wurde Leo Neustadt ab November 1941, eventuell auch schon mehrere Monate früher, als Zwangsarbeiter in ein Lager eingewiesen. Im Juni 1942 wurde er von Aachen aus in ein Vernichtungslager im Osten, wahrscheinlich Sobibor, deportiert und ermordet. Seine Schwester Rosa und ihr Sohn Carl wurden 1942 von Düren aus deportiert, ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Hier gibt es einen ausführlicher Bericht über die Familie Neustadt.

 

Geschwister Levy, Hauptstraße 8, Weisweiler:

Der am 20.03.1882 in Weisweiler geborene Moritz Levy war Zigarrenmacher und betrieb gemeinsam mit seiner ebenfalls ledigen Schwester Elisabeth (Elise) ein Einzelhandelsgeschäft Hauptstraße 8. Bereits 1938 war er fünf Wochen lang inhaftiert, im KZ Sachsenhausen. Später wurde er als Zwangsarbeiter im Straßenbau und in der Stolberger Kali-Chemie eingesetzt. Nach der Auflösung des Lagers in Stolberg 1942 wurde er wahrscheinlich in ein Aachener Lager und dann in ein Vernichtungslager im Osten deportiert.

Elisabeth Levy, genannt Elise, geboren am 9. August 1878 in Weisweiler als sechstes von acht Kindern des Ehepaares Sophia und Jacob Levy. Die Levys waren wie die Levenbachs eine alteingesessene jüdische Weisweiler Familie. Elise Levy blieb unverheiratet. Sie betrieb mit ihrem jüngeren Bruder Moritz, dessen Beruf auch mit Zigarrenmacher und Zigarrenfabrikant angegeben wird, ein Einzelhandelsgeschäft im elterlichen Haus an der Hauptstraße. Moritz und Elise Levy verkauften Ende 1938 ihr Haus an Theo Schönchens. Beide sollen aber weiter in dem Haus gewohnt haben, in einem kleinen Zimmer im Hinterhaus. 1942 sei Elise Levy deportiert worden, schreibt Edmund Schain in seinem Buch über Weisweiler. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

 

Familie Leyens, Hauptstraße 46, Weisweiler:

In seinen Lebenserinnerungen „Die fremden Jahre“ beschreibt Erich Leyens seinen Onkel David als jemanden, der in Weisweiler hoch angesehen war: „Der Onkel war im Dorf ein bewunderter Mann, anscheinend aus Gründen, die uns komisch erschienen: Er sah wie ein norwegischer Fischer aus und sprach mit der autoritären Stimme eines preußischen Feldwebels.“ David Leyens sei ein deutscher „Super-Patriot“ und Verehrer von Kaiser Wilhelm II. gewesen.

Im Alter und mit der wachsenden Entrechtung der Juden, so berichtet Neffe Erich Leyens weiter, sei der Onkel wunderlich geworden, „es musste sich wohl in dem geordneten Räderwerk seines alten Kopfes eine Schraube gelockert haben“. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Berichte, wie perfide die Weisweiler Nationalsozialisten während der Novemberpogrome 1938 mit David Leyens umgegangen sind, besonders bestürzend. Nach der Zerstörung der Einrichtung der seit mehreren Jahren nicht mehr benutzten Synagoge zogen die Mitglieder der NS-Organisationen zum Marktplatz und warfen dort Gegenstände aus der Einrichtung der Synagoge in ein Reisigfeuer. Der verwirrte alte Herr wurde angespuckt und mit Tritten gezwungen, einen Balken aus der Einrichtung der Synagoge zum Marktplatz zu tragen und dort in das Feuer zu werfen. Überliefert ist, dass der Bürgermeister und Vorsitzende der NSDAP-Ortsgruppe, Heinrich Löltgens, sich mit den Worten „Lach doch, Du alter Gauner!“ mit dem gedemütigten alten Juden fotografieren ließ, bevor dieser ins Spritzenhaus der Feuerwehr gesperrt wurde.

David Leyens kam am 19.04.1863 in Grambusch bei Erkelenz zur Welt. Am 15. Juni 1891 heiratete er Bertha Levenbach aus Weisweiler. Sie starb, 80 Jahre alt, am 19. Juli 1940 und wurde in Weisweiler beerdigt. David Leyens und seine 1892 geborene Tochter Elsa wurden wahrscheinlich zwischen März und Juli 1942 deportiert und ermordet. Genauere Angaben gibt es nicht. Die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel führt Vater und Tochter als Opfer der Shoa auf.

 

Familie Meyer, Bachstraße 8, Eschweiler:

Alteingesessene Eschweiler werden sich noch an die Bachstraße erinnern. Die gibt es nicht mehr. So wie es die Mühlenstraße, die Judenstraße und den Knickertsberg nicht mehr gibt – alles weggerissen für den Bau der vierspurigen Indestraße. Etwa dort, wo der Bürgerstein vor dem Ratssaal des neuen Rathaus verläuft, befand sich bis Anfang der 70er Jahre das Haus Bachstraße 8. Es gehörte der wohl ältesten jüdischen Familie in Eschweiler, der Familie Meyer, sie war schon um 1790 herum hier ansässig.

Dort wurden am 13. Dezember 2014 vier Stolpersteine verlegen: für Frieda Meyer, ihren Sohn Simon Meyer, ihre Mutter Zilly Wolf und ihre Schwester Sofie Wolf. Sie wurden am 22. März und am 15. Juni 1942 in Vernichtungslager deportiert. Überlebt haben von der Familie zwei Kinder: Tochter Gerda floh über England und die USA nach Kanada. Sohn Leopold, geboren 1915, überlebte unter abenteuerlichen Umständen in Belgien. Er war geflohen, nachdem das Spielwarengeschäft in der Uferstraße 5, das „Haus zur Micky Maus“, das er von seinem Vater übernommen hatte, in der Pogromnacht 1938 zerstört und geplündert worden war. Seine Mutter Frieda schrieb ihm jede Woche eine Postkarte nach Belgien – die letzte an den Tag, als sie deportiert wurde. 72 dieser Postkarten haben sich erhalten, es sind erschütternde Dokumente dieser schrecklichen Zeit.

Leopold Meyer kam 1946 zurück nach Eschweiler. Er heiratete 1954 eine Eschweilerin, musste dieses Haus zum zweiten Mal aufgeben, für den Bau der Indestraße und des Rathauses. Er starb 1974.

Hier ist ein ausführlicher Bericht über das Schicksal der Familie Meyer.

 

Wilhelmine Hertz, Uferstraße 29, Eschweiler:

An der Uferstraße, gegenüber der Einmündung der Hompeschstraße und nahe dem Geländer dem Fluss, lagen seit 2011 bereits zwei Stolpersteine. Sie erinnern an Selig Lucas, einen aus dem Dorf Warden nördlich von Eschweiler stammenden wohlhabenden Viehhändler, und seine fünf Jahre jüngere Frau Elise, die aus Boslar bei Linnich stammte. Zeitweise hat auch Seligs Bruder Gustav in Eschweiler gelebt. Gustav entkam, er starb 1945 in London. Nachdem Lucas, der auch im Vorstand der Synagoge war, von den Nazis gezwungen wurde, seine beiden Häuser in der Uferstraße 29 und 44 zu verkaufen, emigrierten er, seine Frau und deren Schwester Wilhelmine Hertz im Februar 1938 in die Niederlande, zuerst nach Vaals, dann nach Amsterdam. Sie lebten dort in der Nähe der Amstel in einem Wohnblock, in dem mehrere geflüchtete Juden wohnten, darunter auch eine Verwandte von Elise Lucas. Nach dem Einmarsch der deutschen Armee in den Niederlanden wurden alle verhaftet. Das alte Ehepaar – Selig Lucas wurde 73, seine Frau 68 Jahre alt – kam zunächst in das Internierungslager Westerbork. Lucas starb, als er nach Deventer gebracht wurde, ob zu einem Verhör, einem Arztbesuch oder einem Arbeitseinsatz, ist nicht bekannt. Elise Lucas wurde am 20. Juli 1943 in das Vernichtungslager Sobibor gebracht, sie starb zwei Tage später.

Das Haus Uferstraße 29 existiert nicht mehr, es wurde, wie alle Häuser auf der Nordseite dieser Straße, für den Ausbau des Flussbettes der Inde abgerissen.

Wilhelmine Hertz, für die Gunter Demnig am 13. Dezember 2014 den dritten Stolperstein am früheren Standort des Hauses verlegte, wurde am 9. April 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Erst durch Recherchen in Standesamtsregistern und in alten Meldeunterlagen der Stadt Eschweiler wurde herausgefunden, dass es sich bei Wilhelmine Hertz um die Schwester von Elise Lucas handelt und sie vor ihrer Flucht im Haus ihres Schwagers in Eschweiler gewohnt hat.

 

Petronella Schiffeler, Burgstraße 51, Röthgen:

Petronella Büttgen geb. Schiffeler, geboren 1904, hatte als junge Frau, kurz vor ihrer Hochzeit 1928, einen Unfall. Sie prallte mit dem Fahrrad gegen die Mauer des Kreispflegeheims in der Odilienstraße. Seitdem bekam sie epileptische Anfälle. Das wurde im Lauf der Jahre immer schlimmer, schließlich wurde sie in die Dürener Heil- und Pflegeanstalten eingeliefert. 1940 wurde ihre Ehe geschieden, die Kinder kamen zum Vater. Mehrfach wurde Petronella Schiffeler in andere Anstalten verlegt. Schließlich nach Kaufbeuren. Dort wurde sie mit Elektroschocks behandelt, gleichzeitig musste sie in einem Wehrmachtsbetrieb arbeiten. Schließlich wurde ihr eine Hungerkur verordnet – das heißt, man hat die Frau tatsächlich verhungern lassen. Bei ihrem Tod am 29. November 1944 wog sie noch 37 Kilo.

Das Schicksal von Petronella Schiffeler wurde von Claudia Niederhäuser, der Leiterin des Arbeitskreises Familienforschung im Eschweiler Geschichtsverein, erforscht.

 

Johann Zdum, Gasthausstraße 43, Dürwiß:

Der polnische Zivilarbeiter Johann Zdum arbeitete als Landarbeiter auf einem Bauernhof in Dürwiß, er wohnte in dem Lager Gasthausstraße 43 (eine Backstein-Scheune hinter dem heutigen Haus Nr. 38). Anfang 1941 wurde Johann Zdum vom Dürwisser Ortsgendarmen Leopold Romeike verhaftet, ihm wurde eine Affäre mit einer „arischen“ Frau aus Dürwiß vorgeworfen. Seine damals 32-jährige Freundin brachte das gemeinsame Kind in Köln zur Welt und heiratete 1944 in Nürnberg einen Deutschen.

Zdum wurde im Gefängnis der Staatspolizei in Aachen inhaftiert. Am 20. März 1942, also rund ein Jahr später, wurde er in Dürwiß von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) mit einem transportablen Galgen öffentlich gehenkt, vor einer Kapelle ganz in der Nähe des Lagers, in dem die Ziviel- beziehungsweise Zwangsarbeiter lebten. Nach Berichten aus der damaligen Zeit wurden die anderen polnischen Zwangsarbeiter gezwungen, der Exekution zuzuschauen.

Zuletzt geändert am: 27 Apr 2015 um 08:44:04

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