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Noemi, Charlotte und Rudolf Kaufmann

Noemi heißt Freude

 

„Noemi“ ist ein biblischer Mädchenname. Er bedeutet „die Liebliche“ oder auch „die Freude“. Noemi Kaufmann kam am 7. Dezember 1941 hinter Stacheldraht zur Welt, im KZ-Sammellager Westerbork in Holland.

 

Acht Jahre vorher, am 1. Dezember 1933, war Noemis Vater Rudolf Kaufmann als Kantor der jüdischen Gemeinde und Lehrer an der jüdischen Schule von Eschweiler in sein Amt eingeführt worden. Die feierliche Ansprache des damals erst 21-jährigen neuen Kultusbeamten in der Synagoge, so berichtete die Lokalzeitung „Bote an der Inde“, habe auf die Gemeindeangehörigen einen tiefen Eindruck gemacht. Kaufmann hatte vom Aufschwung des kulturellen und religiösen Lebens im Judentum gesprochen und welche wichtige Aufgabe die Erziehung der Kinder dabei habe.

 

Die ganze Gemeinde hatte sich versammelt; sicher wird auch die 18-jährige Verkäuferin Charlotte Randerath unter den Zuhörern dieses Gottesdienstes gewesen sein. Die Tochter des Viehhändlers Joseph Randerath, dessen Familie in der Drieschstraße 12 gleich gegenüber vom Schlachthof wohnte, hatte zwei Jahre zuvor an der Liebfrauenschule das „Einjährige“ bestanden, also das Zeugnis der Mittleren Reife erhalten. Ein Klassenfoto aus dieser Zeit zeigt sie als ein schönes Mädchen mit großen Augen, üppigen dunklen Haaren und einem ernsten, etwas trotzigen Blick.

 

Zwei Jahre lang blieb der aus Lüxheim bei Düren stammende Rudolf Kaufmann in Eschweiler. Irgendwann in dieser Zeit haben sie sich ineinander verliebt, der jüdische Kultusbeamte mit der hohen Stirn und dem verwirrt-freundlichen Lächeln eines Gelehrten, der im Schulgebäude am Langwahn wohnte, und die junge Frau von der Drieschstraße, die von ihren Freundinnen nur Lotte genannt wurde. Sie heirateten am 9. April 1937.

 

Da war Rudolf Kaufmann bereits nicht mehr in Eschweiler. Im Januar 1936 wechselte er nach Kleve am Niederrhein, ebenfalls als Kultusbeamter und Lehrer an der jüdischen Schule, und im März 1937 bestellte Lotte Randerath das Aufgebot für sich und Rudolf. Das „Blutschutzgesetz“ der Nationalsozialisten war da bereits anderthalb Jahre in Kraft. Wer heiraten wollte, musste seine arische Herkunft bis zurück zu den Großeltern nachweisen, und so wurde auch Charlotte Randerath befragt. Selbst dem trockenen, amtlichen Ton des Dokuments ist noch der Stolz der jungen Frau abzuspüren, die lückenlos bestätigte, dass alle ihre Vorfahren und die ihres künftigen Mannes jüdischer Religionzugehörigkeit gewesen seien. Fazit des Standesbeamten: „Die jüdische Abstammung ist unzweifelhaft!“

In der Nacht zum 10. November 1938 zündeten Nazis überall in Deutschland die Synagogen der jüdischen Gemeinden an, auch die an der Moltkestraße in Eschweiler und die an der Reitbahn in Kleve. Rudolf Kaufmann wurde am 17. November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau bei München gebracht. Als er nach mehreren Wochen frei kam, begann das junge Ehepaar, die Flucht zu planen. Am 22. März 1939 meldeten beide sich in Kleve ab. Ihre neue Adresse: Meester Bardeslaan 3 in Nieuwer-Amstel, Niederlande.

 

Der Ort heißt heute Amstelveen. Dort und im nahen Amsterdam suchten tausende Juden aus Deutschland Zuflucht, darunter auch mehrere aus Eschweiler. Ganze Häuserblocks waren an Flüchtlinge „aus dem Reich“ vermietet, die Wohnverhältnisse waren beengt, Verdienstmöglichkeiten beschränkt. Im gleichen Haus wie das junge Paar wohnte auch Moritz Kaufmann, ein älterer Bruder von Rudolf. Sie alle wurden vom Einmarsch der deutschen Truppen am 10. Mai 1940 überrascht.

 

Westerbork ist der Name eines riesigen Barackenlagers im Norden der Niederlande, in der Provinz Drenthe. Die Holländer hatten es selber angelegt, für die tausenden Juden aus Deutschland und Österreich, die auch nach der Schließung der Grenzen noch illegal in die Niederlande kamen. Die Nationalsozialisten übernahmen das Lager und bauten es zu einem KZ aus, in dem die Insassen Monate oder sogar Jahre lebten, bis sie dann doch in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Über 100.000 Menschen waren in Westerbork. Anne Frank gehörte dazu, deren Tagebuch später gefunden und veröffentlicht wurde. Und auch die Familie Kaufmann.

 

Das Datum, an dem Lotte und Rudolf Kaufmann in Nieuwer-Amstel verhaftet wurden, ist nicht bekannt. Es muss in der zweiten Jahreshälfte 1941 gewesen sein. Drei Jahre lang lebten sie dann dicht zusammen gedrängt mit zehntausenden anderen Menschen in Westerbork. In einer der hundert Baracken dort kam Noemi zur Welt. Sie war zwei Jahre und neun Monate alt, als ihre Eltern zum Transport aufgerufen wurden. Am 4. September 1944 musste die kleine Familie einen der Züge besteigen, die Richtung Osten rollten.

 

Die Fahrt des Transports Nummer XXIV/7 von Westerbork nach Theresienstadt dauerte drei Tage. Das einstige Altersghetto in der Tschechoslowakei war 1944 eine Station zum Umverteilen der Opfer. Nach 23 Tagen in diesem Ghetto wurde Rudolf Kaufmann nach Auschwitz geschickt. Seine Frau und das kleine Mädchen blieben zurück. Als Charlotte und Noemi zwei Wochen später in einem überfüllten Reichsbahn-Waggon nach Auschwitz gebracht wurden, war Rudolf schon weiter, nach Dachau bei München. Zwei Tage vor Weihnachten 1944 wurde er dort ermordet. Seine Frau und seine Tochter waren da längst tot. Ihre letzten Schritte hatten direkt nach dem Eintreffen in Auschwitz in eine Gaskammer geführt.

Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

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